Karl Kraus, der Grubenhund und Web 2.0

Texte wie die folgenden machen mich immer ein wenig wütend: “Die Verwirklichung unserer ‘Ahnung vom dem, was noch kommt’, lässt sich in unzähligen Internetplattformen betrachten.
Medientheoretiker nennen den Kraus’schen Albtraum Web 2.0″ (Der Standard, 22. März 2008, Album A 2 ) und ” Sein (Kraus’) Zorn fordert eine Tugend ein (…) - Scham” (ebenda) oder “Wenn Sie welche in Ihrer Klasse haben, die alles blind glauben, was in Online-Nachschlagewerken wie Wikipedia steht, haben wir eine kleineLektion für sie: Behauptungen im schicken Outfit ergeben noch keinen Wahrheitsgehalt.” ( aus dem Informatikserver “Kamelopedia oder Nonsense zum Nachschlagen“).
Wer blogged sollte sich schämen, seine eigene Meinung öffentlich zu äußern. Es könnten Fehler darin sein, es könnte die Naivität der Gedanken bloßlegen, es könnte… na was könnte es? Selbstdarstellung, öffentliches Nachdenken, kritisches - oder auch weniger kritisches posten kurzer Artikel und Aufsätze ist peinlich. Außer man hat einen bestimmten Grad an Akzeptanz, wissenschaftlichen Segen durch möglichst offizielle Stellen erreicht oder - am Besten - man weilt nicht mehr unter den Lebenden.
Ich plaudere gerne aus meiner Welt: Der Schule. Was ist peinlich. Der erste vor der Klasse vorgelesene Aufsatz (vom Lehrer vorher zensiert)? Das erste Referat? Der erste Auftritt vor einer öffentlichen Kommission bei der Matura? (Vielleicht sollt ich “der, die , das erste” einklammern.)
Solche “Peinlichkeiten” haben uns geprägt. Von klein auf wurde uns eingeimpft: Besser du machst den Mund nicht auf, es könnte peinlich sein.
Überall stehen Menschen (vielfach Lehrer) mit erhobenem Zeigefinger oder Rotstift und weisen dich in deine Schranken zurück.
Diese unsere Unsicherheit, der falsche Respekt vor (vermeintlichen) Autoritäten, die Angst für jeden kleinen Beistrichfehlter -geschweige denn Gedankenfehler (der dann aber meistens nicht erkannt wird) - “bestraft” zu werden. JederFehler ein Makel der Persönlichkeit. Besser längst Gesagtes einwandfrei reproduzieren als selbst laut zu denken.
Mit viel Mut habe ich viele “Peinlichkeiten” überwunden und fordere immer wieder meine eigenen Schüler/innen auf, zu schreiben, bloggen, sich vor ein Auditorium zu stellen und zu sprechen. Nur wer seine eigene Unsicherheit überwindet, sich mutig immer wieder der Kritik ausgesetzt, wird Schritt für Schritt besser und lernt aus den eigenen Fehlern. Mündiger Bürger sein heißt auch Zivilcourage haben und seine Meinung überzeugt vertreten. Und es heißt genauso, die Gedanken und Veröffentlichungen anderer Autoren kritisch zu betrachten und zu reflektieren.
Das will gelernt und geübt sein. Es gibt kein besseres Medium dazu als das Web 2.0. Warum soll ein Schüler nicht über seinen Hamster schreiben? Warum soll er nicht im Web 2.0 dann Texte anderer Tierliebhaber finden… lesen, schreiben, kritischer und besser - ja vielleicht Experte - werden?
Ich liebe Wikipedia, diese meist kritisierte, analysierte, sich ständig verbessernde und korrigierte Enzyklopädie. Ich lese manchmal schlampig in einer Tageszeitung und erzähle etwas fehlerhaft weiter…. und deshalb: ich glaube nicht alles was ich höre und lese. Wenn eine Information wichtig ist für mich, hinterfrage ich noch einmal und suche weitere Quellen. Und ob der Grubenhund unruhig ist oder nicht… Hoaxes und Grubenhunde machen uns sensibel für Falschmeldungen. Erheitern aber auch und regen zum Nachdenken an. Jeden von uns, seien wir ehrlich!
Entlarvend finde ich oft “gut gemeinte” Kritik an öffentlich präsentierten “Elaboraten”. Ich erinnere mich an eine Situation nach einem meiner Vorträge über internationale Projekte bei der letzten Moodle Tagung in Graz. Eine Zuhörerin “schleicht” sich nach dem Vortrag an mich heran. “Frau Kollegin, ich muss ihnen unbedingt etwas sagen… im französischen Zitat auf der letzten Folie ist ein Akzent falsch. Ich bin nämlich Französischlehrerin, das müssen sie unbedingt ausbessern.” Ich habe sie freundlich angelächelt und gesagt “Nein, das werde ich nicht tun”… und ich zitier hier nicht, was ich mir dachte… das wäre dann nämlich wirklich peinlich.
Hier noch ein wenig “Futter” zum Thema:
Der Grubenhunt, definiert bei Wikipedia
Der Grubenhund, ebenda!
Was sind Hoaxes?
Heise über die Fackel und das Bloggen.
News. orf.at zum Thema Kraus und Weblogs (imc Google Cache).
(Abb.:http://farm1.static.flickr.com/124/319606583_2771493711.jpg?v=0)
Schlagworte: Wikipedia Kraus Web2.0